Helmut Halfmann

Über das Schreiben

28. September.

Abend. Gestern, kaum dass „Hills of Shilo“ richtig ausgeklungen war, kam es zu einem dieser Zufälle, an die kein Mensch glaubt. Alessandra, die ich eigentlich gar nicht nicht kenne, hat auf meinen Aufruf in irgendeinem Forum reagiert. So, als wäre die traurige Mandoline weit raus getragen worden. Noch jemand der diese Musik mag? Ich weiß es nicht. Aber sie hat unglaubliche Initiative ergriffen und schwupps – ich schwörs euch, im Handumdrehen ein Forum für schreiber und Autoren eingerichtet. Wir tauften es den Drachenreiter. Denn Schreiben ist manchmal so. Wie Drachen reiten. Und wer außer mir noch viel, viel weiter draußen war und ordentlich Mitternachtsöl verbrannt hat, weiß, was ich meine!

Auf alle Fälle, Alessa, danke ich dir. Made my day!!!!!

27. September.

Bluegrass-Radio spielt „In the Hills of Shilo“. Genauso fühle ich mich. Ich lehne mich in das Mandolinensolo, mein Gott, ich bin der einzige Mensch hier an diesem gottverlassenen Ort, der Mandolinensoli liebt. Countrysender wissen IMMER, was du grade hören musst, merkt euch das!

Keiner da: Creole – weg. Gwen ist in Urlaub und Myjhna nimmt sich wieder eine ihrer üblichen Auszeiten. Gestern hatte sich die Vergangenheit via Telefon gemeldet. Tut sie in den letzten Wochen öfter. Auch in Träumen.

Dort stehe ich z.B. in einer großen Bibliothek, die einen zweiten Ausgang hat: Ein Garagentor, das halb heruntergelassen ist. Draußen höre ich meine Verstorbenen Freunde, Verwandten … sie reden sorglos. Ich sehe sie nicht, aber ich erkenne sie an ihren Stimmen.

Schreiben ist nicht. gestern gabs via e-Mail die erste Absage einer Literaturagentur für das Konzept des Honigmeers. schon zu lange im Geschäft, als dass es mich zerstören könnte.

Alles nicht so schlimm, wie in den „Hills of Shilo“

19. September.

Heute komme ich mich vor wie ausgekotzt. Obwohl ich etliche positive Telefonate im Zusammenhang mit dem Honigmeer geführt habe. Die Termine der Literaturagenten und Verlage werden eng. in 2 Wochen ist Buchmesse …

Könnte heute menschlichen Support gebrauchen (siehe statement weiter untenb, vom11.9.)oder nur jemand, der mit mir in eine Kneipe geht. Das Projekt überlastet mich z.Zt. Draußen leben Menschen ihr Leben, gehen aus, gehn Essen, ins Kino … und ich hock hier vor der Kathodenstrahlröhre und versuche die Site hier zu pushen wo es nur geht. Ach ja, ich hab jetzt ne ICQ Nummer. Schreibt einfach an Maina bzw 250487974. Freue mich über jede Kommunikation, weil meine eigenen Leute hier schlapp machen! Sauer wie ich bin (hab ja noch den Playstation Job) beschließe ich für heut abend den winzigen Rest Vodka, übrig geblieben von meiner lahmen Geburtstags“party“ runter zu kippen. Na zdrovje!

11. September. Diese und folgende Texte von mir und meinen Co-Autorinnen (sorry, Creole) sind eine Art Tagbuch der Befindlichkeiten. Wie es eben ist, wenn man einen Roman schreibt. Dabei ausflippt oder depressiv wird … wie auch immer, guckt immer mal wieder rein!

Das Schreiben ist manchmal, als wäre die Welt rings um dich von einer Seuche dahingerafft. Kurt Vonnegut verglich es mit dem Fall einer Neutronenbombe; alles sieht so aus wie vorher, die Häuser, autos … aber die Menschen fehlen.
Nun, es tut meistens gut, wenn die Menschen weg sind. Aber dann wieder … grade, wenn man eine Passage geschrieben hat, die man so gerne allen zeigen würde (oder zumindest einem speziellen Menschen)… niemand da!
Zur Zeit arbeite ich an der Storyline von AquaNox2: Revelation. Die Version für die Playstation 2. Das bedeutet: kürzen, verschieben. Eher Fleiß- und Mosaikarbeit. Und Brotarbeit!

Ich liebe es mit Myjnâ Mullen zusammenzuarbeiten. Nicht, weil sie so fleißig ist (ich bins auch selten genug), aber weil sie eben jener spezielle Mensch ist, dem ich meine neueste
Passage zeigen will. Sie ist meine schärfste Kritikerin und ein Lob aus ihrem Mund ist reinster Nektar aus einer Orchidee von Maui wowee!!!!!!!!!

Es gibt Zeiten (sie reist viel umher, kennt ne Menge Leute und ist im gegensatz zu mir, ein echtes Gesellschaftstier), da antwortet sie nicht. Weder auf mail, line oder handy. So wie grade ben. Grrrr..

Zu mir. Ich schreibe gerne. Ich schreibe viel. Ich bin ein manischer Schreiber, was der obigen Aussage, ich wäre faul nicht unbedingt widersprechen muss.

Ich mag es, in Werbepausen von guten Filmen oder Serien (bin bekennender ER und Simpsons Fan) zu schreiben. Man fühlt dann immer das Damoklesschwert über sich hängen … und wenn es weitergeht, wandern meine Gedanken unaufhörlich zu meinem Stoff ab.

Früher hab ich sehr viel Literatur geschrieben, darunter zwei (ausverkaufte bzw. verramschte) Romane, hochgelobt, aber unbezahlt. Heute schreibe ich gern Dialoge (wie sie auch in Computerspielen -zumindest in meinen- gebraucht werden) und thrill-stuff.

Das bedeutet NICHT, dass das HONIGMEER keine Literatur wäre, dieses Urteil überlasse ich anderen. Wir finden es einfach nur cool. wir lieben es und wir lieben es, gemeinsam daran zu arbeiten, den Charaktere während endlos langer Telefonate Kontur zu geben. Oder wenn wir uns über die Plotline streiten. Oh, glaubt mir, ich gebe nicht gerne nach. Auch Myjhna nicht (BTW: ihr Name spricht sich „Mainaa“ aus).

Krach und Brüllerei sind Eckpfeiler unserer Arbeit. Ich hasse sie, ich liebe sie. Sie bringt Sätze hervor, die direkt ins Herz, in den Kopf oder in die Eier gehen. Wo nimmt sie das her? SIE ist kein Schreib-Profi wie ich, aber manchmal denke ich: sie ist besser. aber das darf sie wieder nicht lesen, Oh Mann!

Manchmal haben wir ein chaotisches Telefonmeeting: Myj, Gwen (unsere Illustratorin) und ich. Und dann wünsch ich immer, ich wäre weit, weit weg … oder ne Frau … nicht, dass die beiden nicht süß wären, aber ich bin jedesmal dankbar, wenn Creole in der Stadt ist (sein Töchterchen besuchen), um mir wenigstens etwas Rückendeckung zu geben.

Helmut Halfmann, K-Town, 11. September