Lilli sieht Josephine das erste Mal
„Als ich sie vor vielen Jahren das erste mal sah, kam sie mir vor wie eine,
bei der man wenige Minuten nicht mehr weiss, wie ihr Gesicht aussah. Aber
ich hatte mich getäuscht. Sie blitzte manches mal wieder auf in meiner
Erinnerung, so wie ein Gesicht einer Tramperin im Scheinwerferlicht. Das war
noch bevor mir klar wurde, dass ich sie wiedersehen würde; ob ich wollte
oder nicht.
Ich sah sie in einem Casino an einem Spieltisch sitzen, es waren eine Menge
Leute drumherum. Dass ich selbst dort war wusste niemand, ich klapperte
einfach nur die Stadt ab, in der Zeit.
Recherche nannte ich dass für mich.
Sie fiel mir zunächst auf, weil sie sehr ungewöhnlich gekleidet war. Sie
stach raus. Ihr Kleid gefiel mir. Es war so grün wie eine Graslandschaft und
der Stoff bewegte sich wie Gräser über die der Wind streicht. Sie hatte
etwas provozierendes an sich, wie sie die Beine übereinanderschlug dass
jeder ihre Schenkel sehen konnte und um ihre Waden hatte sie schwarze
Schnüre gewickelt. Ihr Gesicht hielt sie die meiste zeit halb verdeckt mit
einem Fächer. Vielleicht fiel sie mir auch deshalb auf. Sie fiel ALLEN auf.
Ständig drückten sich irgendwelche Männer hinter und neben ihrem Platz
herum, und sie beachtete sie scheinbar überhaupt nicht; machte ihr Spiel,
warf achtlos ihre Einsätze auf den Filz vor sich und fächerte, als sei sie
aus einer anderen Epoche zu Besuch. Wenn man sie nur aus den Augenwinkeln
sah, sah es aus als würde diese Frau mit Spielkarten winken. Ihr Gesicht war
so glatt, so perfekt. Zu perfekt.
Es dauerte nicht lange, bis ich das Casino wieder so unaffällig verlies wie
ich gekommen war. Keiner würde sich an mich erinnern. Ich aber hatte jeden
Winkel, jede versteckte Tür und alle wichtigen Daten gesammelt, die ich
haben wollte. Die ich bestimmt mal brauchen würde.“
copyright d. Illustrationen: Gwendolyn Capitain
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