Psychopathia Sexualis

Richard Freiherr v. Krafft-Ebing (1840-1902)






Als älterer Zeitgenosse Freuds veröffentlichte der deutsche Psychiater DAS Standardwerk sexueller Erscheiniungsformen schlechthin. Und, wenn der „Krafft-Ebing“ heute auch in vielen Dingen überholt ist, so ist die „Psychopathia Sexualis“ trotzdem noch eine wahre Fundgrube für jeden Kriminologen und Sexualforscher.

Die erste Auflage 1846 war eigentlich nur eine kleine, kommentierte Sammlung sexuell auffälliger Fallstudien. Die letzte, von Krafft-Ebing persönlich überarbeitete Version, 1902, war schließlich eine wahre Bibel in welcher weit über 200 Fälle von „Perversionen“ aufgelistet waren.

Sicher, die Zeiten haben sich geändert, wie auch die Maßstäbe dessen, was wir als „pervers“ ansehen oder nicht. (Viele unserer Daily-Talks sprechen ganz tabulos über Dinge, die im „Krafft-Ebing“ aus Gründen der Diskretion und Schamhaftigkeit nur lateinisch verfasst wurden.)
Aber eine tabulose Gesellschaft ist eine verlorene Gesellschaft.

Wer denkt, Serienkiller und sexuelle Psychopathen (wie Sexverbrecher von dem britischen Kriminalpsychologen Paul Britton bezeichnet werden) seien ein Phänomen der Neuzeit oder des Industriezeitalters, der irrt. Krafft-Ebing ist weniger ein Analytiker (wie sein Nachfolger Freud), vielmehr ein Beobachter, ein Schilderer. Bis in die 50er Jahre wurde das Werk auch vor Gericht genutzt, wenn es darum ging, ob ein Täter geistig unzurechnungsfähig war oder nicht. Genauer gesagt: inwieweit war seine Tat ein „Zwang“ oder freier Wille. Auch erhellte „Pschopathia Sexualis“ das allgemeine Verständnis für sexuelle Devianzen.

Heute sind pychologische Ansätze von anderer, komplexerer Struktur. Aber auch wenn wir anstelle von „Urningen“ heute von „Homosexuellen“ sprechen und uns sehr wohl bewusst ist, dass es auch eine Form weiblichen Fetischismuses gibt, so irren die Ärzte immer noch häufig genug.

Dennoch kennen wir alle diese Fälle: ein -nach landläufiger Meinung- definitiv „Verrückter“, bekam von seinem Arzt das Prädikat „ungefährlich“ und beging nach seiner Entlassung in „geheiltem, rehabilitiertem“ Zustand ohne lange Wartezeit die schlimmsten Verbrechen.

Der Fall des kalifornischen Frauenmörders Ed Kemper veranschaulicht dies: Nachdem Ed aus reiner Neugierde seine Großeltern erchossen hat, kam er in eine Klinik für geisteskranke Kriminelle. Nach seiner Entlassung wenige Jahre später, wollte er, dass seine Vorstrafe aus seinen Akten getilgt wurde. Deshalb musste er sich einer psychologischen Befragung durch drei Spezialisten unterziehen, die ihn nach ausgiebigem Verhör für „gesund“ und „ungefährlich“ erklärten.
Ed verließ das Gebäude und ging zu seinem Auto, er lächelte. Er war (und ist) ein sehr intelligenter Mann mit einem IQ von über 150. Er stieg in den Wagen ein und fuhr los. Im Kofferraum lag die zerstückelte Leiche eines Mädchens, das er am Vortage bestialisch ermordet hatte.

Solche Beispiele erzählen uns exakt, in welchem Dilemma sich die Gesellschaft hinsichtlich sexueller Psychopathen befindet: sie sind definitiv unkurierbar (wie bereits Krafft-Ebing erkannte), aber sie dürfen, einmal gefasst, nie wieder in die Gesellschaft zurück. Und – wie können wir uns sicher sein, dass diese Menschen ihren Trieb durch z.B. intensive Behndlung verloren haben?

An dieser Stelle nur einige Auszüge us dem Inhaltsverzeichnis. Krafft Ebing, ein Zeitgenosse des berühmten Sacher-Masoch, prägte unter vielem anderen auch die Begriffe „Sadismus“ und „Masochismus“ und zeigte, vor allem der Fachwelt, dass der menschliche Sexualtrieb weit mehr ist, als bislang geglaubt. So vieles auch als überholt gelten mag (Hysterie z.B. ist eine unzulässige Diagnose, die aber auch Krafft-Ebing schon anzweifelte): es ist irgendwo da draußen. alles 🙂

Richard . Krafft-Ebing „Psychopathia Sexualis“ – Ausschnitte aus dem Inhaltsverzeichnis Texte in Klammern stammen von der ww-t Redaktion und K.-E.


    Die Gruppe der Triebabweichungen
  • Sexuelle Anästhesie (Zustände der Enthaltsamkeit, fehlender Geschlechtstrieb, Übersättigung, Überreizung)

  • Sexuelle Hypästhesie
    (Verminderung d. Triebs: Impotenz, Frigidität, Latente Perversionen, Deflorationsängste et. al.)

  • Sexuelle Hyperästhesie
    (Übersteigerter Sexualtrieb auch Hypererotomanich genannt)
  • Moralischer Schwachsinn
  • EInfluss: Rasse, Klasse, Jahreszeiten
  • Überstarke Hormonproduktion
  • Neigung der hypersexuellen Frau zu Homosexualität und Masochismus
  • Abnorma Steigerung der anzahl von Geschlechtsakten -partner
  • Epileptischer Dämmerzustand
  • Kundschaft der Bordelle


  • Sexuelle Paradoxien
  • Masturbation bei Kindern
  • Johannistrieb bei Mann und Frau
  • Gerontophilie (Liebe zu alten Menschen)
  • Bindung des Mannes an den Vater
  • Pädophilie (hier und in vielen Beispielen sehen wir die Wirkung des Krafft-Ebing im Strafgericht. Derlei Handlungen und Patienten die darunter „leiden“ findet ampfindet er nicht als Verbrecher, sondern als „menschen mit einem tragischen Schicksal, sexuell vollkommen normal“. Dasselbe gilt auch für die Urninge (Schwule & Lesben)
  • ….



  • Zoophilie(Sexualverkehr mit Tieren)
  • Frühere Kulturepochen
  • Einfluss des Berufs v. primitiven Menschen
  • Potenzangst als Ursache
  • Tiere als Ersatzobjekt
  • Ausbleibender Orgasmus, als Ursache bei Frauen
  • Zoophilie in Bordellen


  • AutosexualismusDie eigene Person als Sexualobjekt
  • Ursache: übersteigerte Schamhaftigkeit
  • Infantilismus (! Wird von vielen Soziologen auch unserer momentanen Epoche zugeschrieben)
  • Erotische Tagträume
  • Die Masturbation als wichtigstes Form der Autosexualität bei Mann und Frau
  • Homosexueller Einschlag

  • Fetischismus(als zweite Gruppe der Triebabweichungen)
    (Krafft-E. findet diese Abweichung nur bei Männern. Er nennt sie zusammenfassend: „Fetichismus ist die Liebe zu Teilen des weiblichen Körpers und der weiblichen Kleidung. Aber, wie wir gleich sehen werden – es gibt mehr! Ich benutze hier die 6. überarbeitete Auflage von Dr. Alexander Hartwich, die nur unwesentlich von K.-E. unterscheidet)
  • Erogene Zonen allgemein
  • Gesäßfetischismus (vor allem in Verb. mit Sadismus und Masochismus)
  • Phallus (hier ist def. weibl. Fetischismus behandelt)
  • Nase und Nasenlöcher
  • Bilder (Pornographie)
  • Busenfetischismus
  • Frauenbeine
  • Hand und Fuß
  • Haut
  • Selbstverstümmelung
  • Vertreter farbiger Rassen
  • Parfum mit Genitalgeruch
  • Fingernägel
  • Körpermissbilungen als Fetisch
  • Haare, Zöpfe
  • Gegenstandsfetischismus (wohl etwas, das From später „nekrophile Bindung an unbelebte Gegenstände bezeichnete)
  • Kostümfetischismus
  • Schürzen, Röcke, Kinderkleidung, Ringe Rosen
  • Pygmalionismus (Sexualverkehr mit Puppen, Statuen, Kleiderpuppen)
  • Pelz- Samt- Seide Lederfetischismus
  • Erotisches Briefeschreiben (kann in manchen Fällen zur Manie werden)
  • Übertragung /Identifikation
  • Fesselung
  • Handschuhe
  • Renifleurismus (Das Riechen an Ausscheidungsorganen)
  • Voyeurtum
  • Triolismus
  • Erotische Zeichnungen (Pronographie)

  • Sadismus (Krafft-E. hat den Ausdruck nach der Lektüre von Romanen des Marquis de Sade geprägt. In späteren Auflagen werden Extremfälle des Sadismus unter einem gesonderten, kriminalistischen Teil behandelt. Irrigerweise schreibt K.-E. zum weibl.Sadismus, dass er keine Fallbeispiele, außer Elisabeth Bathory und Katharina de Medici kenne.)
  • Steigerung der (normalen, üblichen) Aktiviät des Mannes zur Aggression
  • Liebe und Zorn als stärkste Affekte
  • Brautraub (in ihm sieht K.-E. ein Überbleibsel archaischer „Brautwerbung“ bei Urzeitmenschen)
  • Impulshandlungen
  • Flagellomanie
  • Prügelstrafe
  • Grausamkeit als stärkster Impuls aller Zeiten
  • Lustmord (definitiv DAS Kapitel, das uns in der „Hölle“ von wildweb-tabloid noch verfolgen wird. Hier bringt K.-E. Beispiele von Andreas Bichel über Jack the Ripper bis hin zu Jesse Pomeroy)
  • Mädchenschlitzer
  • Mädchenschneider
  • Mädchensteher
  • Erniedrigung des Opfers
  • Stierkämpfe, Grausamkeit gegen Tiere
  • Sadismus des Kleinbürgers

In weiteren Kapiteln schildert Krafft Ebing noch das „Konträre Sexualverhalten (Homosexualität, Transsexualität, Bisexualität).

Hier auf wildweb-tabloid werden wir nach und nach einiger der äußerst spannender, wenn auch zum Teil abstoßenden Fallbeispiele aufzeigen, die der Verfasser der „Psychopathia Sexualis“ gesammelt hat.