Weihnachtsgeschichten von Helmut Halfmann


Gans und Rotkraut

Nun stand der Mann zum letzten Mal aufrecht da. Hatte sich sogar hinaus gewagt auf die Dorfstraßen. Ach nee ..., dachte er, das ist alles nix mehr für mich. Da geh ich doch gerne, obwohl – na ja – eigentlich wäre ich auch gerne noch etwas länger geblieben.

Hm ... man sieht wirklich keinen Menschen mehr laufen auf dem Dorf. Die neuen Nachbarn kannte der Mann nicht. So neu waren sie ja auch wieder nicht, denn sie lebten bereits ein Jahr in der Straße. Aber durch verspiegelte Windschutzscheiben erkennt man die Leute ja nicht! Und laufen sieht man eh keinen mehr auf dem Dorf, da muss man schon in die Stadt, in die Fußgängerzone.

Nein, ist wirklich nicht schade. Zumal der Forellen-Fritz letztes Jahr schon gestorben ist, der beste Freund. An der Lunge war’s, jojo!

Da kommt der Christbaum. Den müssen jetzt schon der Sohn und die Frau schmücken, ich kann das nicht mehr. Ich komme ja nichtmal oben an die Spitze, um den Stern drauf zu stecken.

Ist aber nicht so schlimm. Der Man lächelte und ging ein paar Schritte den Berg hoch. Noch vor drei Jahren hatte hier das Dorf geendet und man stand auf dem Felde und konnte bis zum Königsberg sehen. Jetzt ist hier ein Neubaugebiet und – leck mich am Arsch – die Baugrundstücke sind kaum größer als Briefmarken. Da baut keiner mehr Salat an!

Er sah über die neuen Dächer hinweg nach dem Wald. Zwar war der alte Weg dorthin längst verbaut, aber man konnte noch einen Schleichpfad hoch wandern. War nicht weit, der Wald. Aber eben doch zu weit.

Heiligabend hatte schon immer dieses kitzelnde Gefühl. Seit er ein kleiner Bub war. Es war in ihm versteckt, in ihm! Der nicht an Gott und den Kram glaubte, aber an Weihnachten glaubte er. Da dreht sich die Erde anders. Da riecht die Luft anders und das Wasser am Konradsbrünnchen schmeckt anders. Früher war er jeden Morgen Heiligabend dort hin gewandert, mit dem Kind. Und sie haben einen Schluck eiskaltes Quellwasser genommen.

„Heut, in der Weihnacht wandelt sich das Wasser in Wein“, sagte er dann. „Man darf’s aber nicht in Krüge abfüllen sonst erscheint ein wilder Hund und jagt einen in die Hölle!“

Heut Abend gibt’s Gans. Normalerweise gab’s die erst am ersten Feiertag, aber die Zeit ist eng geworden und vielleicht ist er dann schon nicht mehr da!

Der Mann ging zurück zu seinem Haus, das er selbst gebaut hatte und ging ins Wohnzimmer. Vorsichtig setzte er sich aufs Sofa, nahm die Fernbedienung und klickte sich durch die Kanäle.

Er sah sich alles mit hochwachen Sinnen an. Nein, da geht man doch eher gern! Das ist kein Verlust. Aus der Küche schwebten himmlische Düfte.

Jetzt wollte er zu seiner Frau und ihr einen Kuss geben und vom Rotkraut naschen. Er drückte sich mit beiden Armen vom Sofa ab. Kam aber nicht hoch. Da hat was in seinem Rücken gekracht und es war ihm wie ein Blitz durch Mark und Bein gefahren. Jetzt konnte er nicht mehr aufstehn. Er blieb reglos sitzen. Er wollte es seiner Frau nicht sagen, aber so was kann man ja nicht verheimlichen, dass man ausgerechnet vor Gans und Rotkraut aufgeben muss.


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