Weihnachtsgeschichten von Helmut Halfmann


Alt, Arm, Allein

Hier in der Stadt gibt es eine gemeinnützige Organisation, die sich „Alt, Arm, Allein“ nennt und die wirklich nur Gutes im Schilde führt. Sie bringen Menschen, die in ihre Zielgruppe fallen Carepakete, organisieren Essen, Kleidersammlungen, Ausflüge.

Der Schreiber dieser Zeilen wird mit dem kommenden Jahre aus der Gruppe der Werberelevanten TV Zuschauer herausgekegelt werden und gilt damit offiziell als „alt“, was auch der Fallmanager der Arbeitsagentur nur zu gerne bestätigen wird.

Ebenso muss der Schreiber dieser Zeilen zerknirscht zugeben, dass auch das Attribut „arm“ auf ihn zutrifft, wenigstens was die allgemeine gesellschaftliche Sichtweise angeht. Ja genau: ich fühle mich nicht „arm“ lebe aber laut statistischem Bundesamt an der „Armutsgrenze“.

Sehen wir uns mein monatliches Budget einmal genauer an:

300 Euro – dafür dass ich morgens ausschlafen kann
400 Euro – dafür, dass ich mich keinem Chef und keinen Arbeitskollegen aussetzen muss
250 Euro (mindestens) – dafür, dass ich nicht jedem iPod nachgeifern muss und Läden wie „Saturn“ nur von außen kenne
180 Euro – dafür, dass ich nicht essen gehen muss, sondern mir alle Spezereien selber kochen kann
150 Euro – dafür, dass ich mir nicht Monat für Monat neue Klamotten kaufen muss (na gut, zuweilen mag ich rumlaufen, wie vom Galgen geschnitten, aber sei’s drum...)
200 Euro – dafür, dass ich mir nicht vor lauter Frust irgendwelchen Scheißkram kaufen muss

Rechnet selbst. Macht doch schon ein gutes Sümmchen, oder?

So wenig schmeichelhaft es auch ist, aber zwei von drei Bedürftigkeitskriterien erfülle ich bereits. Und was das „allein“ angeht, ja, das ist wenigstens mal ein schönes Wort. Es heißt gottlob nicht „einsam“. Allein ist, na ja, es wirkt, als sei grade mal eben kein anderer im Zimmer.

Oder rede ich mir da was schön? Okay, okay, allein bin ich auch, zum Teufel. Und ich höre bereits der Engel Posaunen schallen: ich bin alt, arm und allein. Halleluja!

In einer Zeit, in der wir auf Political Correctness achten und Alles und Jeden mit schmeichelhafteren Worten umschreiben, wirkt „alt, arm, allein“ schon etwas hart um die Kanten. Geradeso, als müssten wir alten, einsamen und konsumuntauglichen Säcke gleich bei der nächstbesten Gemeindeverwaltung unser Pestglöcklein abholen, nebst dem biometrischen Ausweis mit Fingerabdruck.

„Klingeling“ macht das Glöckchen zur Weihnachtszeit: „da kommt einer, der ist alt, arm und allein!“

Jetzt, da das Stigma an mir leuchtet, fällt mir ein, dass ich auch sonst ein recht subersiv-verdächtiges Bürschlein bin: ich sitze gerne ohne Licht im Dunklen und schaue aus dem Fenster, ich lese richtige Bücher, bin ansehnlich allgemeingebildet, verweigere Magazine, Tageszeitungen und Nachrichten im Fernsehen ... eiderdaus! Wird Zeit, dass ihr dem armen, alten, einsamen Hund die letzte Spritze aufzieht!

Ich kenne eine der Frauen, die von den Spenden der „Alt, Arm, Allein“ Organisation profitiert und dafür dankbar ist. Sie ging als bildhübsches Mädchen in den 50ern nach Hollywood, wo sie als Komparsin mit allerlei Filmgiganten drehte. Sie bekam eine winzige Rolle als ägyptische Prinzessin in Cecil B. DeMille’s „Die Zehn Gebote“.

Jetzt ist sie schon lange wieder hier und nur wenigen zeigt sie ihr glamouröses Fotoalbum. Sie freut sich schon auf die Einladung eines hiesigen Restaurants im Rahmen eines „Alt, Arm, Allein“ Weihnachtsessens. Sie ist jung im Geist, reich an Lebenserfahrung und hunderte Millionen Menschen haben ihr Lächeln auf der Leinwand gesehen.


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