Weihnachtsgeschichten von Helmut Halfmann


Gejammer zur Weihnacht

Ach, warum sind wir alle so iPhone, so USB-wütig und so Plasma-TV? Warum lassen wir zu, dass alles in uns hineingestopft wird wie in eine Mastgans?

Fressen wir Klebstoff, der unseren Mund verkleistert? Nein. Und doch – wir tun’s, tun’s andauernd und spritzen uns Kleister in die Venen und krampfen wegen so viel MediaMarkt und Saturn ist schon lange kein Wandelstern der Ernte mehr.

Gestern hat eine Mutter ihre Kinder gefressen und ein Auto ist in den Laternenzug gerast, was kaum zu glauben ist, weil kein Schnee lag und das Wetter klar war.

Am Mittwoch habe ich die Bauern aus dem Tal gesehen, wie sie verschämt die Parfümerie stürmten und mit schwuchteligen kleinen Papiertüten und hochroten Gesichtern wieder herausgekommen sind.

Es waren aber keine Bauern, denn derer sind’s wenig geworden. Es waren nur Männer. Kaum einer hat für zehn Cents Geist im Hirn, dafür aber die EC Karte überm Herzen.

Warum sind wir so Plasma? So LCD und X-Boxig? Was haben wir davon? Warum schmeißen wir unsere Kindheit in die Sautröge und lachen dabei wie Trottel, als sei alles wurscht und Müllsack?

Am Donnerstag hab ich vor lauter Dummheit gesalescht und perfekt gedinnert! Na und? War immerhin digital-is und schnell rum, wie alles: schnell vorbei und nix gespürt! So ist es fein. Danach hat’s mir den Klingelton verschlagen und ich bin ins Cafe gegangen, wo sie die Preise erhöht haben und die Brötchen verkleinert.

Weihnachten ist was für Kinder, zumindest für die, die nicht gefressen worden sind. Die Kleinen, die nicht aus dem Fenster geworfen wurden oder im Kühlschrank schlafen mussten. Der Rest kriegt Handys, Playstations und iPods.

Bücher werden nicht mehr verbrannt, sondern ignoriert, und aus Kirchenfenstern guckt mit gutem Grund keine Sau mehr heraus, höchstens hinein, aber da ist nix zu sehn außer Staub und Dunkelheit.

Im Waschbetonkübel vor Karstadt liegt Dreck. Wenigstens was! Bei den Nachrichten schreibe ich heute mit, dass ich auch ja nichts vergesse von all dem, wonach ich mich richten soll. Nur ja nicht laut werden: muxen und ducken und schleichen. Dein Auto darf ruhig Krach machen, das geht in Ordnung, ebenso wie die Flugzeuge, die wie auf einer Perlenschnur aufgereiht Ramstein Air Base anfliegen, die Bäuche voll mit Turkeys und kaputt geschossenen Soldaten.

Warum suhlen wir uns in Nichtfreude? Und jeder Tag ein neuer Zombietanz, zur ewig gleichen Melodie, die keiner hört noch hören will. Das Pochpochpoch ist kein schlagend Herz, sondern was anderes.

Weihnachten für Kinder. Ordentlich gestopft mit Ritalin und Ergotherapien und logopädensatt, klicken sie einander an und tauschen Snuffpornos aus dem Internet über Bluetooth-Handys aus.

Wie Kinderaugen leuchten können. Schaudichnichtum! Bleibnichtstehn! Siehnichthoch! Nimmshin! Stehnichtauf! Der Rhythmus zum Zombietanz wird in Gigahertz gemessen.

Weihnachten gestern war ockergelb und schneeweiß und stubenwarm und ich Kind wollte vor Heiligabend nicht einschlafen vor Aufregung und Vorfreude. Morgens hörte der Vater das Weihnachtsoratorium auf SWR 2 Radio und schälte Kartoffeln, während die Mutter den Braten mit Senf einrieb.

Draußen blühten die ersten Gänseblümchen, denn an Weihnachten ist es hierzuland immer warm. Die Kälte kam erst im Januar!

Seitdem hat sich das Wissen der Menschheit verhundertfacht. Es sind dreißig mal mehr Menschen gestorben, als gerade leben. Homo sapiens Menschen, wohlgemerkt. Einhundertachtzig Milliarden Menschen. Das ist nicht so viel. Schulter an Schulter könnte die gesamte Menschheit, wie sie jetzt auf dem Planeten lebt auf der Fläche des Bodensees Platz finden.


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