Weihnachtsgeschichten von Helmut Halfmann


Weihnachtsabend

Hinter der Fußgängerzone in einer kleinen Seitengasse, nicht weit von der Stiftskirche entfernt rennt einer, wenn nicht vorsichtig genug, mit dem Kopf glatt an die Betonmauer des Parkhauses.

Dort unten ist auch ein Schacht, der warme, verbrauchte Parkhausluft nach außen ventiliert.

Dieses Jahr ist tatsächlich Schnee zu Weihnachten gefallen und die Stadt liegt stumm und weiß da, was ihr nicht schlecht stünde, wenn das Weiß ein vornehmes und nicht so ein aschfahles und die Stille nicht allzu atemlos wäre. Kaum jemand läuft noch durch die Fußgängerzone. Alles verharrt da, nach Wochen brutalster Rennerei und Gehetze, wie eine geschändete Person, die man achtlos hat liegen lassen.

Da geht noch einer zum Geldautomat, sieht sich argwöhnisch um und zieht einen Fünfziger. Schnell verschwindet der Mann. Ich höre nur noch eine Wagentür zuschlagen.

Heiligabend ist es, und ich habe nichts weiter zu tun, als nach Hause zu gehen, um mich ganz und gar der Völlerei hinzugeben, die in Form einer Gänsepastete und eines frischen Nussbrotes mit Quittengelee auf mich wartet.

Was niemand weiß, auch ich nicht: ob da auf dem Schacht an der Parkhauswand jemand die Nacht verbringen muss. Gesehen haben wir’s alle schon: den Pappkarton, den schmutzigen Schlafsack, ein paar Lumpenbündel, zweidrei leere Flaschen und eine halbvolle.

Der Schnee hat aufgehört zu fallen und das Thermometer ist gesunken. Die Sterne über der Stadt blinken klein und wie verschrumpelt in der eisigen Nachtschwärze.

Wenn da jemand die Nacht auf dem Schachtgitter verbringen müsste, wer weiß, der könnte erfrieren. Das wäre dann dessen letzter Heiligabend gewesen. Kann sein, muss aber nicht. Kann aber.


Zurück