Weihnachtsgeschichten von Helmut Halfmann


An der Kurve

Es war ein Donnerstag im Dezember, ein Donnerstag in der Weihnachtszeit, der früher einmal ein „Klopfdonnerstag“ war, an dem umherziehende Wintergestalten händeweis getrocknete Linsen und Erbsen und Bohnen an die Stubenfenster warfen. Singend forderten sie dann um Gaben und Essen.

Die Früchte symbolisierten den Wunsch nach Fruchtbarkeit und Wohlstand. Aber das ist vergessen.

Ich ging durch die kleine Stadt, eine der kleinsten Städte Deutschlands und war auf dem Weg in die geduckt mächtige Zisterzienser Abteikirche mit ihren alten Grabplatten und schlichten Steinhauerarbeiten.

Früher hatte man die Kirche der Länge nach zweigeteilt, weil man links den evangelischen und rechts den katholischen Gottesdienst feierte. Die Mauer ist allerdings weg und ich weiß nicht, wie sie es mit der Trennung halten, sie werden wohl zu unterschiedlichen Zeiten feiern.

Die Hauptstraße des Städtchens ist gleichzeitig die einzige Durchgangsstraße und wird von einem nie versiegenden, stinkenden und lärmenden Autofluss heimgesucht. Die überschwängliche Weihnachtsbeleuchtung spiegelt sich in den Windschutzscheiben wieder und trotz der Verheißung der Jahreszeit ist alles leer und hohl und ungeduldig und laut.

An der Kurve sehe ich drei Jugendliche, wie sie lachend den Bürgersteig entlang gehen. Einer hat einen kleinen Hund an der Leine, eine weißbraune Straßenmischung mit keck aufgerichteter Rute und neugierigen Knopfaugen. Die drei Jungen haben einander viel zu erzählen und achten dabei nicht auf das Hündchen, das unversehens die Länge der Leine ausnutzt, um auf die Straße zu hüpfen.

Dort wird es von einem Hinterrad eines dreiachsigen Getränkelasters erwischt. Alles geht schnell und was vor einem Wimpernschlag noch frech und munter war liegt jetzt tot in der Gosse. Es scheint nicht mal Blut geflossen zu sein. Der Junge bemerkt es und bleibt fassungslos stehen.

Ich sehe die Bremslichter des Lasters kurz aufleuchten, ein Zögern, ganz klar: der Fahrer hat alles mitgekriegt. Ich kann ihn förmlich denken hören: Ists’s nicht wert, dafür stehen zu bleiben. Er nimmt wieder Fahrt auf und brüllt davon.

Ich habe gerade noch etwas Zeit, das Erstarrtsein der Jugendlichen in mich aufzunehmen. Dann schäme ich mich – für was? Für den Fahrer? Ich drehe mich weg und gehe nicht in die Kirche, steige auf mein Rad und fahre nach Hause.


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