Das Lateinische Kindheitsevangelium

(63) Und als er umherging, sah er einen abseits gelegenen Stall und sagte: ,,An diesem Ort muß ich bleiben, denn er scheint mir der Aufnahme von Reisenden zu dienen. Für mich gibt es nämlich weder ein Gasthaus noch eine Herberge, wo wir rasten können." Und er sah sich um und sprach: ,,Diese Wohnstätte ist zwar bescheiden, aber für Arme passend, besonders, weil sie abseits vom Lärm der Menschen liegt, so daß er der Wöchnerin nicht schaden kann. Deshalb muß ich an diesem Ort mit allen meinen Leuten Rast machen."

(72) In jener Stunde ruhte alles in tiefem Schweigen und in Angst.

Die Winde flauten ab und wehten nicht mehr, von den Blättern der Bäume regte sich keins mehr, kein Rauschen der Wasser war zu hören, es gab kein Wogen des Meeres, und alle Wasserquellen schwiegen. Keine Stimme von Menschen erklang, und es herrschte ein tiefes Schweigen. Denn das Himmelsgewölbe hörte von jener Stunde an auf, sich im Lauf zu bewegen. Das Maß der Stunden war fast vorübergegangen; alles hatte geschwiegen, staunend und in großer Angst, in Erwartung der Ankunft Gottes aus der Höhe und des Endes der Zeiten.

(73) Da also die Stunde nahte, kam die Kraft Gottes offen zum Vorschein. Das Mädchen stand da, schaute zum Himmel und wurde wie ein Weinstock. Die Zeit der guten Dinge schritt schon voran. Als aber das Licht hervorgegangen war, betete sie den an, von dem sie sah, daß sie ihn geboren hatte. Das Kind selbst aber sandte Strahlen aus wie die Sonne, kraftvoll, rein und lieblich anzuschauen, da es allein als Friede, überall Frieden verbreitend, erschien. In jener Stunde, da es geboren wurde, hörte man die Stimme vieler unsichtbarer Wesen, die einstimmig sagten: "Amen". Und das Licht selbst, das geboren war, wurde stärker, und die Helligkeit seines Lichtes verdunkelte das Licht der Sonne. Und die Höhle wurde erfüllt von dem hellen Licht zusammen mit dem süßesten Duft. So wurde dieses Licht geboren, wie Tau vom Himmel herabsteigt auf die Erde. Denn sein Duft riecht besser als aller Wohlgeruch von Salböl.

(75) Als Simeon das vernommen hatte, antwortete er: ,,Glückselige Frau, die du würdig warst, diese neue und heilige Vision zu schauen und zu verkündigen! Auch ich bin glücklich, der ich dies hören, wenn auch nicht sehen, durfte und dennoch glaubte." Da sagt zu ihm die Hebamme: ,,Ich habe dir noch eine wunderbare Sache zu berichten, daß du staunen wirst!" (...) Da sagte die Hebamme zu ihm: ,,Du aber, Herr, bist mein Zeuge, daß ich sie mit meinen Händen berührte und das Mädchen, das geboren hatte, als Jungfrau fand, nicht nur unmittelbar nach der Geburt, sondern auch (...) vom Geschlecht des Mannes. In dieser Stunde rief ich mit lauter Stimme und pries Gott, fiel auf mein Angesicht und betete an. Danach ging ich nach draußen. Josef aber wickelte das Kind in Windeln und legte es in einer Krippe."

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