Hasenherz Teil 2 von 2

Der Dachboden war noch düsterer, kälter und unheimlicher, als ihn Krackel in Erinnerung hatte. Überall türmten sich alte, modernde Kisten, die ihm wie Särge vorkamen, Stapel von Büchern, an denen bereits der Schimmel wuchs türmten sich wie Grabsteine auf und im Gebälk hingen reihenweise schlafende Fledermäuse, wie kleine, pelzige schwarze Gespenster.

Krackel stand still da und wagte es nicht, zu atmen. Das Leise Wimmern kam aus der Ecke, wo sie vor einer Woche die Weihnachtsdekorationen hervorgekramt hatten. Wie ein heimtückischer Nebel kroch die Ansgt wieder in Krackel hinein. Langsam und bibbernd – ob vor Furcht oder Kälte konnte er nicht sagen, machte er sich auf den Weg.

Einen Stapel uralter Spielzeuge musste er umwandern. Er sah einen Blechtrommler, einen Teddy-Bär, aus dessen Bauch eine Wolke modriger Holzwolle quoll, einige schöne, aber leider rostige Spielzeugautos aus Blech, verstreute Zinnsoldaten, denen schauderlicher Weise Gliedmaßen fehlten, so als wären sie gerade einer furchtbaren Schlacht entronnen.

Am schlimmsten war eine staubige Maske, die aussah, wie das Gesicht eines wilden Affen. Aus hohlen, leeren Augenhöhlen starrte sie ihn an und es schien Krackel, als verfolge sie jeden seiner zaghaften Schritte.

Das Wimmern wurde lauter. Jetzt war es ein regelrechtes Wehklagen. Krackels Hasenherz raste wie wild und er begann sich zu fragen, ob nicht langsam ZUVIEL Sauerstoff in seinem Blut die Runden machte.

Und da stand er: haushoch in mattem, erblindetem Glanz: der alte Spiegel, vor dem Krackel immer solche Angst hatte. Seine einst polierte Glasoberfläche war längst stumpf geworden, und der prachtvolle Rahmen, der früher mit Goldlack bestrichen war, hatte überall klaffende Sprünge und Risse.

Krackel war sich sicher: in den nächsten Sekunden würde er sich zu Tode erschrecken! Aber: kann man sich denn überhaupt zu Tode erschrecken, wenn man bereits derart auf der Hut war, wie das Schabenkind?

Im stumpfen Wiederschein des Spiegels sah Krackel eine mickrige, kleine Figur mit einem Lämpchen, das zittrig hin und her wackelte. Die Figur war geduckt und schien vor Kälte zu zittern. Oh mein Gott, dachte Krackel: das Gespenst! Ein verzauberter Gnom, ganz bestimmt! Ein Schabenfressergnom!

Aber nein: es dauerte ein paar Sekunden, da merkte Krackel erst, dass er nur sein eigenes, vor Furcht bibberndes und mattes Spiegelbild vor sich sah. Er atmete auf. Dennoch rauschte das Blut in seinen Ohren wie ein ganzer, tosender Wasserfall. Ob das vom vielen Sauerstoff kam? Ja, das Blut rauschte so wild und laut, das Krackel gar nicht mehr das Weinen und Wehklagen hören konnte.

"Was willst du denn hier?" sprach eine volle, traurige Frauenstimme. Und obwohl sie geisterhaft aus dem Nichts zu kommen schien, war sie doch wahrhaftig und mit einem warmen, beruhigenden Ton. Aber der Ton konnte die Wehmut in der Stimme nicht verdecken.

"Du bist doch eine dieser Küchenschaben, die jedes Jahr hier hochkommen, um die Weihnachtsdekorationen zu holen. Und dabei erschrickst du dich jedes Mal vor mir, obwohl ich niemals einer Seele etwas antun würde, wie könnte ich auch, ich bin ja nur ein Spiegel."

Krackel wich entsetzt zurück. Seine Augen waren rund wie Suppenteller.

"Ja ich bin traurig, ich bin so elend und traurig, dass alle Kranken und Elenden auf dieser Welt nicht elender sein könnten als ich", heulte der Spiegel, der wohl eine Frau war, zumindest hatte er die Stimme einer solchen.

Krackel fragte einfach nur: "Warum?" und erschrak beim Klang der eigenen Stimme.

"Sieh mich an! Ein Spiegel fühlt sich immer so, wie die Wesen, die in ihn blicken. Niemand schaut mich mehr an!" "Es kommt ja auch niemand auf diesen Dachboden!" sagte Krackel, dessen Herz beim wohltuenden Klang der Spiegelstimme bereits etwas langsamer schlug.

"Ach!" heulte die Spiegelfrau, "früher hatte ich den schönsten Platz im Haus. Das ist lange her. Da ward ihr noch alle gar nicht auf der Welt. Und das Haus war noch nicht zu Eigentumswohnungen umgebaut. Damals hing ich an der Wand im großen Salon. Keiner konnte an mir vorbei gehen, ohne mich anzusehen. Immer stand ein prachtvoller Strauß Blumen vor mir und jeden Tag wurde ich poliert und geputzt. Nicht der kleinste Drecksspritzer war auf meinem Glas."

Krackels Angst war fast gänzlich verflogen. Er setzte sich vor den Spiegel und sah sein kleines Spiegelbild an. "Wann war das?" "Oh, das ist lange her! Seither haben die Fledermäuse hier schon mindestens fünfzig Mal überwintert. Übrigens: du brauchst keine Angst vor ihnen zu haben. Es sind die freundlichsten Wesen, die man sich vorstellen kann, auch wenn sie manchmal scharren und Geräusche machen."

Krackel nickte: jetzt wusste er, warum es auf dem Boden so oft "spukte". Es waren nur die Fledermäuse, die sich ihr Nachtlager bauten.

"Und Weihnachten war die schönste Zeit", fuhr die Spiegelfrau fort. "Über mir hing ein Mistelzweig, was bedeutete, dass sich die Leute darunter küssen durften. Und sie küssten sich und lachten und überall glänzten Millionen Lichter, Kerzen und Lampen. Die Weihnachtsbäume wurden durch mich doppelt so hell, doppelt so groß und doppelt so schön. Junge Frauen sahen mich an und richteten sich schnell ihre Haare, ehe sie sich wieder der Party zuwandten, und die Herren zupften gelegentlich an ihren Bärten und sahen nach, ob ihre Krawatten und Krägen auch alle noch gut saßen."

Eine lange Pause kehrte ein, in der die Spiegelfrau schwieg und nur hin und wieder leise seufzte. Krackel war so fasziniert, dass er seine Angst ganz vergessen hatte.

"Aber die Kinder waren am lustigsten", fuhr sie fort. "Sie tanzten mit ihren neuen Spielsachen vor mir, schnitten Grimassen, streckten die Zunge heraus und zeigten mir, wie schön es für sie an Weihnachten war. Ach, wenn es nur immer Weihnachten wäre, riefen sie! Aber jetzt ist alles aus und vorbei. Es gibt keine Partys mehr, keine Lampen, keine Kerzen, kein Licht. Nur Dunkelheit und Einsamkeit. Schau mich an! Siehst du links unten die Ecke? Das ist die einzige Stelle, an der ich noch glänze. Ansonsten bin ich blind und taub geworden."

Krackels Gesicht erhellte sich plötzlich: "Aber ... aber wir könnten dich doch nach unten schaffen, zu uns. Küchenchef Schabe und Onkel Leo organisieren andauernd Partys und Lichter haben wir dann auch ganz viele und überall steht das beste Essen das man sich vorstellen kann rum und wir Kinder bekommen Spielsachen geschenkt und machen auch die ganze Zeit über gerne Fratzen!"

Er sprang auf die Beine und streckte, wie zum Beweis seine Zunge heraus und rollte mit den Augen.

Die Spiegelfrau lachte kurz auf. Das Weinen schien vergessen, als sie den kleinen Wicht mit den vielen Armen und dem komischen Gesichtchen sah.
"Siehst du! Jetzt musst du wieder lachen! Komm doch mit mir, bitte!" schrie Krackel.
"Aber wie sollte ich denn mit dir kommen?", fragte die Spiegelfrau. "Ich bin so groß und tragen könnt ihr Küchenschaben mich eh nicht. Da braucht es mindestens zwei ausgewachsene Menschen!"

Krackel senkte traurig den Kopf. Kleine Tränchen kullerten aus seinen Augen. Das Schicksal des Spiegels hatte ihn ergriffen. Auch das können Hasenherzen: ergriffen erden vom Schicksal anderer.

Da lachte der Spiegel auf einmal ganz klar, wie Kristall, hell und vibrierend. "Ich. Habe. Eine. Idee!" rief die Spiegelfrau aufgeregt und betonte dabei jedes Wort, so, als sei es so wichtig wie ein ganzer Satz.

"Ja? Was für eine Idee?"
"Schau dich um, Kleiner", rief sie. "Siehst du den Haufen alter, kaputter Ziegeln?"
Krackel wirbelte um seine Achse. Ja! Klar: Dort, wo sie immer ihre Weihnachtsdekorationen versteckt hielten.
"Geh schnell und such den größten Ziegelbrocken, den du grade noch werfen kannst." "Ja", schrie Krackel und machte sich sogleich auf die Suche. Er verstand zwar nicht das Geringste, fand aber schnell einen dicken, scharfkantigen Ziegelbrocken, den er triumphierend dem Spiegel entgegen hielt."
"Und jetzt wirf ihn" sagte die Spiegelfrau ernst. "Ziele direkt auf meine Mitte!" "Aber dann gehst du doch kaputt", heulte Krackel.
"So soll's ja auch sein."

Und dann erklärte die Spiegelfrau Krackel ihren Plan.

Am nächsten Morgen weckten Chef Schabe und Onkel Leo einen tief schlummernden Krackel aus seinem traumlosen Schlaf. "Was liegt denn da bitte schön in unserem großen Esszimmer?" fragte Chef Schabe ungeduldig. "Und was war denn das heute Nacht für ein Krach? Und warum bitte schön schläfst du noch, als seist du die ganze Nacht auf gewesen?"

Krackel rieb sich den Schlaf aus den Augen und wunderte sich über Chef Schabe und wie dieser so viele Fragen auf einmal stellen konnte.

Er erzählte vom Dachboden, von den Geräuschen, von Hasenherzen und wie er, Krackel, ganz alleine die Schabenbande vor drohendem Unheil bewahren wollte. Und dann berichtete er von der Spiegelfrau, wie schön es doch wäre, einen Spiegel im Esszimmer zu haben und vor ihm Grimassen zu schneiden.

Krackel sprang aus dem Bett und rannte ins Esszimmer. Dort lag sie, die Spiegelscherbe, die glänzende, blitzsaubere, spiegelige linke, untere Ecke!

Onkel Leo lachte. "Na, das kommt uns ja gerade recht, jetzt vor dem Weihnachtsfest. Wie's der Zufall so will, bin ich ja handwerklich einigermaßen geschickt. Ich könnte der Scherbe einen neuen Rahmen verpassen, zwar nicht so kunstvoll verziert, aber mit Goldlack angestrichen!"

Mittlerweile war die ganze Schabenbande herbei gerannt und hatte sich um den glänzenden Spiegel geschart. "Au ja! Ein Spiegel im Esszimmer!" riefen alle, "dann sind wir ja gleich doppelt so viele!"

Und so endete die Geschichte vom Hasenherz und der Spiegelfrau, die bis heute, frisch gerahmt, an der schönsten Wand des Esszimmers hängt und die all die Feiern der kleinen Schabenbande wiederstrahlt, wie Bilder aus einem wundersamen Märchen.

Krackel kam jeden Tag bei ihr vorbei und richtete den kleinen Blumenstrauß, den er direkt vor sie hingestellt hatte. Dann untersuchte er den Spiegel, ob nicht irgendwo ein Fleck zu sehen wäre, den er sofort wegwischte! Sie redeten und lachten oft miteinander, und in den Weihnachtstagen schienen die Lichter, die der Spiegel zurückwarf heller zu sein als alle Lichter davor.

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