Hasenherz Teil 1 von 2

Eine weihnachtliche Schauergeschichte

Küchenchef Schabe hatte einmal zum kleinen Küchenjungen Krackel gesagt: "Sei nicht immer so ein Hasenherz!" Damit hatte er gemeint, Krackel wäre ein ängstlicher, kleiner Schabenwicht, der Furcht vor dunklen Ecken, vor dem Keller, vor Mäusen, vor Menschen und fast allem anderen auf der Welt hatte.

Das war ja schon richtig – zum Teil wenigstens. Krackel war wirklich nicht die mutigste Schabe in der Bande, ja, wenn man es genau nimmt vielleicht doch die ängstlichste. Selbst Flitzchen, seine kleinere Cousine war beherzter, lauter und frecher. Aber es waren nicht dunkle Ecken, Mäuse, Menschen oder der Keller, wovor Krackelchen Angst hatte. Es war der Dachboden. Schon der Gedanke, die uralte staubige Holztreppe, die nach Terpentin roch, hoch zu kriechen, bereitete ihm Bauchschmerzen. Eines Nachts hatte er Stimmen auf dem Boden gehört, scharrende Geräusche und ein kurzes, boshaftes Gelächter. Ja: der Dachboden war zum Fürchten!

Nur zweimal im Jahr kamen die Schaben hier hoch: einmal, um all die kunterbunten Weihnachtsdekorationen zu holen und dann, ein paar Wochen später, um diese wieder sorgsam hinter einem Stoß aufgestapelter, staubiger Ziegeln zu verstauen. Aber da waren immer alle mit von der Partie. Krackel hielt sich dabei immer mitten im dichtesten Getümmel auf, umgeben von seinen Brüdern, Freunden und Cousinen. Chef Schabe und der alte Onkel Leo (der schon die ganze Welt gesehen hatte) gingen jedes Mal mutig voran und achteten nicht auf das Geraschel unter dem Holzboden, auf die gruseligen, harten Schatten, die das alte Gerümpel im Schein ihrer Lampen warf und die sich geisterhaft bewegten.

Wie oft hatte sich Krackel beim Anblick des alten, mannshohen Spiegels beinahe zu Tode erschrocken! Aber der Spiegel tat ihnen ja nichts: er warf nur den Schein ihrer Lampen und ihre huschenden Schatten zurück. Und trotzdem: es war schlicht und einfach gruslig! Krackel schnappte sich dann immer einen Karton voller kunstvoller, blauer Glas Eiszapfen und konnte es kaum abwarten, bis sie wieder die Treppe in die langweilige Wohnung der Familie Langeweil, ihrer Gastfamilie, hinabstiegen.

Abends im Bett, die Decke bis zur Nase hochgezogen, lauschte Krackel den Geräuschen von oben. Besonders in stürmischen Nächten, wenn die Ziegeln klapperten und der Wind durch auf den Ritzen des Dachgebälks wie auf einer Blockflöte pfiff, grauste es dem kleinen Schabenjungen zum Steinerweichen. Manchmal klapperten seine Zähnchen gar den Rhythmus des gruseligen Windliedes.

Heute rannte Krackel kurz nachdem ihn Küchenchef Schabe ein Hasenherz genannt hatte, zu Onkel Leo, der, wie so oft, in seinem gemütlichen Sessel in der Fensterecke saß und in einem seiner alten Bücher las. "Onkel Leo?" flüsterte Krackel. Er wollte Onkel Leo eigentlich überhaupt nicht stören, aber es nagte zu sehr an ihm. "Was?" knurrte Onkel Leo und guckte Krackel über seine Lesebrille hinweg an. "Warum nennt mich Chef Schabe ein Hasenherz? Was ist ein Hasenherz?" Onkel Leo holte tief Luft, setzte die Brille ab, rieb sich den Nasenrücken und schüttelte dabei den Kopf. Nicht mal eine einzige kleine Stunde gönnten ihm diese Racker seine Ruhe. "Onkel Leo! Onkel Leo! Onkel Leo! Was ist Amerika? Was ist ein Kaiserschmarren? Wie weit ist das Meer entfernt? Gibt es das sagenhafte Feiertagsland? Was ist ein Hasenherz?"

"Chef Schabe meinte damit, dass du ein kleiner Angsthase bist!" sagte er, setzte die Brille wieder auf und steckte seine Nase wieder in sein altes Buch.
"Aber wieso Hasenherz?" beharrte Krackel.
Onkel Leo seufzte tief und machte danach ein Geräusch, als müsse er einen ganzen Sack Mehl allein auf seinem Rücken eine Treppe hoch wuchten.
"Hast du schon mal einen Hasen gesehen, Krackelchen?"
"Nur im Fernseher!"
"Im Fernseher, ah ja!"
"Ja. Bei der Familie Langeweil."
"Nun: die Familie Langeweil tut nicht viel mehr als fernsehen, hab ich recht? Die sollten lieber mal ein Buch lesen."
"Es war ein ganz gewöhnlicher Hase, mit Hasenohren und Hasenzähnen", drängelte Krackel.

Abermals setzte Onkel Leo seine Brille ab, schlug das Buch zusammen (wobei er aber einen Finger zwischen die Seiten hielt, wo er gerade gelesen hatte) und forderte Krackel auf, sich auf seinen Schoß zu setzen.
Krackel tat dies gern. Er fühlte sich zwar schon viel zu alt und groß dazu, aber dennoch gab es ihm ein geborgenes, sicheres Gefühl.

"Wenn du einen Hasen genau betrachtest, siehst du, dass sein Herz ganz schnell schlägt. Wie eine kleine, wirbelnde Marschtrommel. Oder als wäre ein kleiner flattriger Vogel in seiner Brust gefangen ... na ja, ist auch egal. Wenn ein Mensch Angst hat, dann beginnt sein Menschenherz ebenfalls wie wild zu schlagen. Deshalb meinen dumme Menschen, der Hase habe ständig Angst, weil sein Herz so schnell puckert! Menschen! Pah! Was wissen die schon. Ich gebe allerdings zu: von Angst verstehen sie viel. Nimm uns Schaben: WIR haben vor fast gar nichts Angst."
Krackel senkte ein wenig den Blick und dachte an den Dachboden.
"Und ein Hasenherz schlägt nur deshalb so schnell, weil ein Hase immer auf der Hut vor Feinden sein muss. Deshalb muss er noch lange keine Angst haben. Aber er muss schnell reagieren, wenn ihn ein Jagdhund oder eine Wildkatze hetzt. Ein Hase ist immer in Alarmbereitschaft. Wenn er gejagt wird, schlägt er Haken: er wechselt seine Laufrichtung in einem Sekundenbruchteil, er braucht viel Sauerstoff in seinem Blut, um nicht aus der Puste zu kommen. Deshalb schlägt sein Herz so schnell, nicht weil er Angst hat."

Onkel Leo schob Krackel wieder sanft von seinem Schoß, setzte abermals die Lesebrille auf und sah aus dem Fenster. "Du musst keine Angst haben, Krackelchen. Nur auf der Hut sein. Wachsam sein. Das ist etwas ganz anderes." Und damit öffnete Onkel Leo wieder sein Buch und verschwand ganz in dessen Geschichten.

Der Dezember war gekommen und mit ihm die rauen Nächte, wie man sagt, Nächte in denen angeblich wilde Geisterheere durch den Himmel jagen, auf der Suche nach verirrten oder bösen Seelen. So eine Seele muss wie ein Hase haken schlagen, wenn das wilde Heer hinter ihr her ist, dachte Krackel abends in seinem kuscheligen Bett.

Die Decke bis über die Ohren gezogen lugte Krackel ins Dunkel des Zimmers. Die anderen Schaben schlummerten friedlich vor sich hin und träumten von Weihnachten, aber hauptsächlich von einem üppigen Festessen. Manche schmatzten sogar genüsslich im Traum, als fräßen sie sich durch einen Berg von Delikatessen und Desserts.

In dieser Nacht hörte er ein leises Weinen, das vom Dachboden zu ihm herabdrang. Zuerst hielt er es wieder für den Wind, der auf Ziegeln und Gebälk sein übliches Schauerlied spielte, aber – es war ja vollkommen windstill draußen. Kein Lüftchen ging. Krackel erhob sich und schlurfte zum Fenster. Kein Zweifel: draußen wehte kein Hauch. Die schwarzen Gerippe der laublosen Bäume streckten sich reglos einem Vollmondhimmel entgegen und Frost hatte den Garten und die Stadt überzogen, dass die Scheiben der Autos und Häuser bereits zu glitzern anfingen.

Krackel lauschte. Da! Da war es wieder: auf dem Dachboden hörte er eindeutig eine Frau weinen und klagen. Ihm grauste. Geht jetzt dort oben eine alte Hexe auf und ab, womöglich mit Warze auf der Nase und einem einäugigen, bösartigen Raben auf der Schulter, der für sein Leben gerne kleine Schaben fraß, auch wenn es Feinschmeckerschaben waren? Jammert dort oben ein ruheloser Geist, der sich vor dem Wilden Heer am Himmel versteckt hält? Das Weinen wurde für Krackel immer eindeutiger. Er bekam eine Gänsehaut und zog den Kopf zwischen die Schultern. Sein Herz begann, wie wild zu schlagen.

Hasenherz! Dachte Krackel. Er war eben doch ein Angsthase! Aber warte mal: Onkel Leo hatte es ihm doch erklärt, dass Hasen keine Angst hatten, sondern höchstens auf der Hut vor Gefahr seien.

Da fasste Krackel einen Entschluss: auch er wollte auf der Hut sein! Sich und die ganze Schabenbande vor jeglicher Gefahr beschützen. Und wenn dort oben das gesammelte Wilde Heer herumtobte, wenn sich auch ein ganzer Geisterzug dort umtrieb, samt heulender Skelette und fratzenhafter Weihnachtsgespenster! Er, das kleine Krackelchen, würde nun – auf wackeligen Beinen zwar – aber unter heldenhafter Missachtung seiner Todesangst hinauf in den Dachboden steigen.

Und er verschwendete keine Zeit. Hastig warf er sich seinen warmen Weihnachtspullover mit Rudolph dem Rentier mit der roten Nase über, griff sich ein kleines Lämpchen und schlich sich aus der Schlafkammer. Ganz, ganz schnell eilte er zur Dachbodentreppe, so schnell, dass ihn der Mut nicht verlassen konnte. Sein Herz puckerte wie toll, aber das war gut: er wusste nun, dass er genügend Sauerstoff im Blut hatte, um es mit einem ganzen Geisterzug aufzunehmen!

Angst und Schrecken machten Krackel zu einem erste-Klasse-Sprinter als er die Treppe hoch huschte. Die Eile und die Entschlossenheit, herauszufinden, WAS sich da auf dem Boden herum trieb, hatten Angst und Kleinmut vertrieben. Er hatte jetzt ein wahres Hasenherz in seiner Brust schlagen, ein Heldenherz wie es tapferer nicht sein konnte.

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